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Mitteldeutschland Regionen - Regionalliteratur II

Literatur-Rundgang durch mitteldeutsche Themen und Regionen (II)

Regionalverlage aus dem südlichen Sachsen-Anhalt auf der Leipziger Buchmesse 2003

Hin und wieder sind Klagen über eine mangelnde Identifikation der Sachsen-Anhalter mit ihrer Heimat zu hören. Heimische Verlage setzen aber in Titeln und Themen deutlich auf so genannte Regionalia. Auch diejenigen, die Mitteldeutschland im Munde führen, bleiben dabei noch überwiegend im eigenen Lande.


Sachsen-Anhalt als Programm

Der in Halle (Saale) ansässige Mitteldeutsche Verlag, einst 1946 auf Initiative der damaligen Provinz Sachsen gebildet und 1997 nach Konkurs neu gegründet, stellt mit rund 230 lieferbaren Titeln wieder eine feste Größe in der hiesigen Verlagsszene dar. Profilierte er sich in der DDR als Belletristik-Verlag, so lässt ihn heute sein Angebot an Regionalia, Sach- und Fachbüchern wieder als eine Art sachsen-anhaltischer "Hausverlag" erscheinen. Der Name "mitteldeutsch" ist also durchaus Programm, allerdings in einem geographisch engeren Sinne auf das Land zwischen Arendsee und Zeitz bezogen. Editionen, die Themen und Orte aus den mitteldeutschen Nachbarländern aufgreifen wie die "Sächsische Archivschriften", finden sich bislang nur wenige.

Was auf Seite eins des Novitätenkataloges steht, will in die Bestsellerliste: Reinhard Höppners "Acht unbequeme Jahren", in denen er "Innenansichten des Magdeburger Modells" preis gibt (220 Seiten, 20 Abbildungen). Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident lieferte damit keine dröge politische Analyse ab, sondern erzählt "Geschichte in Geschichten". Höppner las aus seinem Buch am Messefreitag im Leipziger Neuen Rathaus. Den Weg in viele Bücherschränke fand bereits das bewegende Flut-Thema, im Verlagsprogramm gleich doppelt vertreten und beide Male in zweiter Auflage: als "Jahrtausendhochwasser" von Dieter Lehmann (96 Seiten, 128 Farbfotos) und als "Jahrhunderthochwasser", herausgegeben vom sachsen-anhaltischen Landtag und zwei Regionalzeitungen (144 Seiten, 90 meist großformatige Fotos).


Auf der Suche nach den "blauen Fröschen"

Ins Auge sticht ob des ungewöhnlichen Titels "Pferdeäppel und blaue Frösche". Erst der Untertitel klärt das Genre: "Reisen durch ein (un)bekanntes Sachsen-Anhalt. 16 Kapitel, geographisch von Nord nach Süd geordnet, wollen versteckte Sehenswürdigkeiten und kuriose Begebenheiten fernab ausgetretener Pfade aufzeigen. Manchmal überschreitet die Route auch die Landesgrenze, wie im Falle des thüringischen Bad Sulza. Jede literarische Tour endet mit einer Liste nützlicher Adressen. Das Buch von Karin Scherf und Lutz Mücke, zwei heimischen Rundfunkjournalisten, ist mit knapp 150 Seiten um ein Viertel weniger prall als im Katalog angegeben. Die Fotos, überwiegend in schwarz-weiß, lassen technisch Wünsche offen. Das Büchlein überzeugt dennoch mit einer Menge interessanter, liebenswerter Details und ist flüssig geschrieben. In "Pferdeäppel" tritt der Tourist übrigens, wenn er den Havelberger Pferdemarkt besucht (S. 24). Was es mit den "blauen Fröschen" auf sich hat, soll hier nicht verraten werden...

Ob die Orte wirklich so unbekannt sind, in die der Leser geführt wird, darüber mag man streiten. Als Geheimtipp kann beispielsweise die Nebraer "Himmelsscheibe" gewiss nicht mehr gelten. Nicht zu übersehen ist allerdings der konzeptionelle Unterschied zu im gleichen Verlag erschienenen Büchern über die sachsen-anhaltischen UNESCO-Welterbestätten in Quedlinburg, Wittenberg, Eisleben sowie Dessau/Wörlitz. Der Verlag bietet hier ein Thema mit Beiträgen von vier Autoren in zwei unterschiedlichen Genres an: als modern aufgemachten Bild-Text-Band (120 Seiten) und als kulturhistorischen Reiseführer (200 Seiten) mit Rundgangsempfehlungen sowie Serviceteilen. Die Zweitsprache Englisch deutet auf die gewünschte Klientel, und manch zahlungskräftiger Kultur- und Bildungstourist wird wohl gleich zu beiden Titeln greifen.


Aus 06198 Dößel werden touristische Trends bedient

In der Saalkreis-Gemeinde Dößel unweit von Halle sitzt der Verlag Janos Stekovics. Auch er stellt ein vielseitiges Programm aus Regionalgeschichte und Landeskunde sowie Kunst-, Museums- und Stadtführern mit dem Schwerpunkt Sachsen-Anhalt vor. Seine "Zugnummern" passen sich deutlich an die jeweiligen Marketing-Themen der sachsen-anhaltischen Tourismuszentrale an. Nachdem in der Reihe "Kulturreisen in Sachsen-Anhalt" bereits Bände von Rose-Marie Knape zur "Straße der Romanik" sowie von Sebastian Kreiker und Christian Antz "Auf den Spuren Ottos des Großen" erschienen waren, wird nun ein aktuelles Tourismus-Motto bedient: Anke Werner schreibt über "Gartenträume" und stellt "Historische Parks in Sachsen-Anhalt" vor. Auf 200 Seiten und 400 Abbildungen sowie Karten zeigen Autorin und Verlag, was die 40 schönsten Gärten und Parks zu bieten haben.


Blick nach Sachsen und "Mitteldeutschland"

Erfolgreiche Bücher über Städte und Regionen brauchen nicht nur dankbare Leser, sondern auch interessierte Partner vor Ort, meint der Verlagschef am Messestand. So erklärten sich hier und da geographische Lücken im Programm, aber auch mancher Blick über die Landesgrenzen hinaus. Stekovics schwärmt gerade von Dresden, was auf große verlegerische Erwartungen beispielsweise an einen Bildband über die Elbe bei Dresden" schließen lässt. Volker Helas und Franz Zadnicek bringen darin "Flusslandschaften" in klassischer Schwarz-Weiß-Technik nahe (knapp 150 Seiten, 116 Fotografien).

Janos Stekovics geht auch mit dem "Mitteldeutschland"-Begriff pragmatisch um: Sein Haus publiziert als Neuerscheinung die zehnte Ausgabe des "Mitteldeutschen Jahrbuches", herausgegeben von der Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat (über 460 Seiten). Diese in Bonn ansässige Einrichtung fasst unter Mitteldeutschland den gesamten Raum der neuen Bundesländer bzw. der ehemaligen DDR.

Tobias Liebert

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Nicht lesen, sondern hören

Im medialen Trend liegt das erste Hörbuch des Mitteldeutschen Verlages. Es ging aus einem kulturgeschichtlichen Projekt über das 18. Jahrhundert in Sachsen-Anhalt hervor, als Herausgeber tritt der Museumsverband des Landes auf. Unter dem Titel "Aufbruch und Entdeckung" stellt die silberne Datenscheibe 60 Minuten lang informativ und unterhaltsam Plätze vor, an denen Künstler und Gelehrte wie Bach, Händel, Seume oder Gleim ihre Spuren hinterließen.


Dingsda - Querfurt heimatbewusst

Was für den Mitteldeutschen Verlag Reinhard Höppner, ist für den 1990 gegründeten Dingsda-Verlag Sahra Wagenknecht. Auch der Verlag aus Querfurt im südlichen Sachsen-Anhalt verzichtet nicht auf ein politisches "Zugpferd" im Editionsprogramm. Das Buch "Die Mythen der Modernisierer" (110 Seiten) der streitbaren PDS-Linken liegt allerdings schon einige Zeit in den Regalen. Verleger Joachim Jahns erklärt den Verlagsnamen: Dingsda diente als literarisches Kosewort für Querfurt. Regionalliteratur bildet denn neben zeitkritischen Büchern und Belletristik eine wichtige Säule des kleinen Unternehmens. Beispielsweise stellt Gisela Stockmann historisch oder zeitgeschichtlich wichtige "Frauen in Sachsen-Anhalt" vor, die "Schritte aus dem Schatten" unternahmen (60 Seiten). Außerdem bringt der Verlag Neudrucke bibliophiler Raritäten und historischer Karten heraus.


Reprints - Naumburg historisch

Auf Reprints setzt auch die Naumburger Verlagsanstalt. Zwischenzeitlich zog der ebenfalls seit 1990 bestehende Kleinbetrieb nach Aschersleben um, der Verlagsname markiert aber nach wie vor den Schwerpunkt des Programms. Nachdrucke von nostalgischen Landkarten und Heimatliteratur aus der Saale-Unstrut-Region sowie die "Naumburger Heimatblätter", aber auch landeskundliche Abhandlungen über die ehemalige Provinz Sachsen und zunehmend auch aus dem Königreich Sachsen sowie Thüringen finden gewiss ihre Liebhaber.

T. L.


Wanderschilder bei Naumburg


Weinberge bei Naumburg

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